Gleichschaltung und Verfolgung

Die Weimarer Republik wurde während ihrer gesamten Zeit von links und rechts bekämpft. Nach der Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 gewannen die Nationalsozialisten mehr und mehr die Oberhand. Begleitet wurde das Ringen um die Macht von Straßenkämpfen und blutigen Auseinandersetzungen. Letztlich duldete die große Mehrheit die Nationalsozialisten. Die Republik stand ohne die breite Unterstützung durch die Bevölkerung auf verlorenem Posten. Auch in Ulm wehten im Frühjahr 1933 die Hakenkreuzflaggen. Die Zeit des Dritten Reiches hatte begonnen.

Die fünf Genossenschaften nahmen die neue Zeit durchweg positiv auf. Die Akten der folgenden Jahre belegen verschiedene Versuche der örtlichen NSDAP, Einfluss auf Entscheidungen innerhalb der Baugenossenschaften zu nehmen. Wohnungssuchende wandten sich mehrfach an die Partei, um deren Fürsprache zu erreichen. Trotz des Druckes gaben die einzelnen Baugenossenschaften ihre Statuten nicht ohne weiteres auf. Im Jahre 1935 wurde die Kündigung eines Mitgliedes aufgrund von nichtgenehmigter Untervermietung aufrechterhalten, trotz dessen Unterstützung durch die NSDAP-Kreisleitung.

Die Nationalsozialisten waren bestrebt, das Führerprinzip mit klaren Entscheidungslinien bis in jede gesellschaftliche Organisation durchzusetzen. Dies ermöglichte einen schnellen und einfachen Zugriff und die Steuerbarkeit im Sinne der Bewegung. Auch den Ulmer Wohnungsbaugesellschaften wurde nahegelegt, sich zusammenzuschließen. Bis zum 20. Dezember 1940 erfolgten nach und nach die Zusammenschlüsse zur heutigen ulmer heimstätte. Damit endete der Pluralismus unter den Ulmer Baugenossenschaften.

Parallel dazu drängten die Nationalsozialisten die jüdische Bevölkerung an den Rand der Gesellschaft. Boykottaufrufe und Vereinsausschlüsse bildeten den Anfang. Jüdische Ulmerinnen und Ulmer wurden stigmatisiert und entrechtet. Unter diesen Gesichtspunkten ist es bemerkenswert, dass die jüdischen Mitglieder der Ulmer Baugenossenschaft erst im Laufe der Jahre 1937/38 aus der Genossenschaft austraten. Dr. Salomon Moos erklärte am 9. Dezember 1937 seinen Austritt. Wenige Monate später verließ er seine Heimatstadt im Alter von 76 Jahren und emigrierte über Luxemburg nach Annecy (Frankreich). Dort verstarb er am 16. Mai 1944. Dr. Siegfried Mann verließ am 9. November 1938, unter Eindruck der Hetzkampagne der Nationalsozialisten nach der Ermordung des Botschaftssekretärs Ernst von Rath, nach 28 Jahren die Genossenschaft. Im folgenden Jahr konnte er Ulm verlassen und wanderte nach Großbritannien aus. Hugo Moos hatte bereits am 27. April 1934 seine Mitgliedschaft aufgekündigt. Über die Hintergründe ist nichts bekannt. Seine Versuche, Deutschland zu verlassen, schlugen fehl. Er wurde am 22. August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb Hugo Moos qualvoll am 18. Dezember 1942.

In der Folge der Zwangsvereinigung der fünf Genossenschaften wurde am 7. Juni 1941 eine neue Satzung erlassen. In §3 (1) hieß es nun: „Juden (§5 der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 – RGBl. I S.1333) können die Mitgliedschaft nicht erwerben."

Ein bisher wenig beachtetes Kapitel in der Verfolgungsgeschichte stellen die Opfer der NS-Zwangssterilisation und Euthanasie dar. Im Rahmen der Forschungen zum Gedenkbuch für diese Opfergruppen wurde auch das Schicksal der Katharina Hägele geb. Arnold vor der Vergessenheit gerettet. Sie stammte ursprünglich aus Reutti und lebte seit den 1920er Jahren mit ihrem Mann Johann Georg Hägele in der Böblinger Straße 28. Der Schlosser war dementsprechend Mitglied im Spar- und Bauverein. Seit 1925 musste sich Katharina Hägele mehrfach aufgrund einer psychischen Erkrankung in Behandlung begeben. Ihr Zustand verschlimmerte sich dennoch zusehends. Das Gedenkbuch von Gudrun Silberzahn-Jandt und Josef Naßl zitiert sie: „... aber ich hoffe, dass ich nicht verloren bin". 1937 schied sich ihr Ehemann von ihr. Auf sich allein gestellt, wurde Hägele wieder in die Heilanstalt Bad Schussenried eingewiesen. Von dort wurde sie am 7. Juni 1940 in die Tötungsanstalt Grafeneck bei Münsingen deportiert und nach ihrer Ankunft durch Kohlenmonoxid ermordet. Am 6. März 2020 wurde vor dem Haus in der Böblinger Straße 28 im Gedenken an Katharina Hägele ein Stolperstein verlegt.

Entrechtung, Vertreibung und Ermordung: all dies findet auch im Mikrokosmos der Ulmer Vorkriegsbaugenossenschaften statt - und nicht hinter verschlossenen Türen.

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