Blauflesch - Kurzportrait eines Quartiers

Das Blauflesch-Quartier steht wie kaum ein anderes Gebäudeensemble für die Geschichte und Identität der ulmer heimstätte. Folgen wir der Blauflesch durch ihre Geschichte.

Nach nur zehn Monaten Bauzeit konnten 72 Wohnungen, eine Gastwirtschaft, ein Gemischtwarenladen und eine Metzgerei im Dezember 1902 fertiggestellt werden. Jede Wohnung verfügte über eine Küche, Toilette und drei Zimmer zwischen 15 und 25 Quadratmetern. Die Wohneinheiten waren damit modern und großzügig ausgestattet. Die Läden ermöglichten es den Bewohnerinnen und Bewohnern, die Dinge des täglichen Bedarfs in unmittelbarer Nähe zu erwerben. Der Gang in die Stadt war nicht unbedingt nötig und die Gastwirtschaft sorgte für wohnortnahe Unterhaltung. Eine bis heute bestehende Besonderheit ist, der nach Vorarlberger Muster ausgestaltete Schankraum der Gastwirtschaft.

Die Luftangriffe des 17. Dezember 1944 zerstörten und beschädigten auch in der Weststadt unzählige Häuser und Industrieanlagen. Das Blaufleschareal war ebenfalls betroffen und schwer beschädigt. Einem Protokoll aus dieser Zeit entnehmen wir: „Tatsache ist, dass sämtliche Häuser in der 'Blauflesch' kein Dach mehr hatten, Fenster, Türen, Wände sahen katastrophal zerstört aus. Berge von Trümmern und Schutt lagen in den Höfen."

Rund ein Jahr nach Kriegsende wurde mit der Instandsetzung der Blauflesch begonnen. Im Juli 1946 öffnete bereits die behelfsmäßig hergerichtete Metzgerei. Im Januar 1949 kam es auf dem wiederhergestellten Dachboden des Gebäudes fast zur Katastrophe: Ein Dienstmädchen hatte einen Eimer mit heißer Asche auf der Bühne stehen lassen. Nur durch einen glücklichen Zufall konnte ein Großbrand verhindert werden.

In den 1950er Jahren wurde im ersten Stock der Blauflesch die Geschäftsstelle der heutigen ulmer heimstätte eingerichtet. Hierzu wurden mehrere Wohnungen zusammengelegt. Dort befanden sich neben dem Kundenbereich auch Büros und Besprechungszimmer.

Eine große Aufwertung gewann der Blaufleschblock durch die Sanierung und Neugestaltung des Innenhofes in den 1990er Jahren. In wahrer Millimeterarbeit wurden Bagger und Lastwagen durch die enge Zufahrt bugsiert und Tonnen an Schutt ausgefahren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Den Anwohnerinnen und Anwohnern steht heute ein neues Stück Lebensqualität zur Verfügung.

Im Januar 2002 endete das Kapitel der Blauflesch als Verwaltungssitz der Genossenschaft. Mit dem Umzug der Geschäftsstelle erfolgte eine umfangreiche Modernisierung des Gebäudes. Dabei wurden die Grundrisse der Wohnungen den gewandelten Ansprüchen angepasst, die Fassade teilweise rekonstruiert. So ist die Blauflesch – fast 120 Jahre nach ihrer Grundsteinlegung – aus der Geschichte und der Gegenwart der Genossenschaft nicht wegzudenken.

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